Die Medienwissenschaft trauert um Ingolf Haedicke (03. 08. 1943 – 31. 01. 2026)

Am 31.01.2026 ist Ingolf Haedicke im Alter von 82 Jahren verstorben. Nachdem er noch am 22. Januar seine letzte Seminarsitzung in der Sophienstraße unterrichtet hatte, verstarb er neun Tage später.
Ingolf Haedicke war seit Aufnahme seines Studiums der Musikwissenschaft 1961 durchgängig am Institut für Musikwissenschaft, später „und Medienwissenschaft“, der Humboldt-Universität tätig. Nach einer dreijährigen Anstellung als wissenschaftlicher Assistent, leitete er ab 1969 die Phonothek und das Studio der Musikwissenschaft, für die er außerdem Seminare im Lehrgebiet Systematik anbot. Seit den späten 1960er Jahren legte er am Institut eine Sammlung westlicher Pop- und Rockmusik der Titel an, die in der DDR nicht verfügbar waren. Mit diesen Aufnahmen gestaltete er Rundfunksendungen, schrieb später Linernotes für die ostdeutschen LP-Veröffentlichungen einiger dieser Musiker*innen bei Amiga und organisierte ein Kassettennetzwerk zur Verbreitung der Musik.
Seit dem Wintersemester 2007/08 unterrichtete er auch in der Medienwissenschaft: neben der „Einführung in die Akustik I und II“ (später fachspezifizierter „Einführung mechanische, elektrische und elektronische Grundlagen der Medien“) betreute er studentische Bastelprojekte im Projektseminar. Eines dieser Projekte war ein präpariertes Cello für das Stück Pieta (2012) der schwedischen Komponistin Lisa Streich. 2015 richtete er weitestgehend eigeninitiativ im Keller der Sophienstraße am ehemaligen Standort des medienarchäologischen Fundus die medientechnische Werkstatt ein, in der er bis zuletzt unterrichtete und bastelte. Diese Arbeit wurde u.a. in der sechsteiligen Musiktheaterreihe „Ingolf“ von Daniel Kötter und Hannes Seidel (2016/17) dokumentiert. Für den Fundus reparierte er nicht nur gemeinsam mit Studierenden Geräte, sondern baute auch Abwesendes nach, erfand work arounds und pflegte die Sammlung. Diese Arbeit strahlte über Berlin hinaus. 2023 reparierten wir gemeinsam fürs Händel-Haus Halle ein Trautonium.
In Personalunion von Musikwissenschaftler, Bastler und Kind der DDR verkörperte Herr Haedicke bis zuletzt eine andere Form der Wissensvermittlung und -produktion an der Institution Universität. Als Kollegin und Freundin werde ich dieses „andere“ schmerzlich vermissen.
Christina Dörfling im Namen des Kollegiums der Medienwissenschaft am 02.02.2026
Ingolf Haedicke gehörte zum Urgestein der Medienwissenschaft Marke Humboldt-Universität. Bereits am Standort Sophienstraße – wo er auch nach dem Umzug des Fachgebiets in die Georgenstraße noch einen Satelliten, nämlich die Medienwerkstatt als einen der Funktionsräume der hiesigen Medienwissenschaft einrichtete und verteidigte – war er mit Lehrveranstaltungen und Studienprojekten aktiv, die mit ihren Schwerpunkten auf akustisches Gerät den Nachweis lieferte, dass die hiesige Medienwissenschaft nicht nur Augen für visuelle Kommunikation, sondern auch Ohren für akustische Medien hat. Es war ein Glücksfall, den in der Musikwissenschaft bereits altgedienten Ingolf Haedicke auch für das junge Fach gewinnen zu können. Er gab der Medienwissenschaft – und sich selbst – damit einen neuen Schwung. Das seit Jahresbeginn verabschiedete Institut für Musikwissenschaft und Medienwissenschaft ist durch diesen Todesfall noch einmal aufgerufen und vereint.
Es war über die Jahre erstaunlich, mit welcher Geduld Ingolf Haedicke Studierenden der Medienwissenschaft, die noch nie einen Lötkolben zur Hand hatten und „Medien“ vielmehr nur als kommunikative Inhalte kannten, die (Ehr-)Furcht vor Elektrotechnik nahm und mit ihnen nicht nur die Black Box der Geräte öffnete, um sie zu durchschauen, sondern die kritische Analyse vor allem auch in kreative Synthese wandelte. Selbst hergestellte Apparate waren dann der ganze Stolz derer, die durch Haedickes Schule gegangen waren. Um aus der Selbstbeschreibung der Medientechnischen Werkstatt zu zitieren, die Ingolf Haedicke begründete und leitete: „Wer ein Gerät erst selbst repariert oder gar gebaut hat, wird die Funktionsweise desselben überhaupt erst ‚begreifen‘ und so schnell nicht vergessen.“
Ingolf Haedicke stand in den unkonventionellen Weisen seiner Lehre für jene „Grauzone“ der Universität, die mit ihren bisweilen eigenwilligen Spielarten das akademische Leben im Wesen ausmacht und im Kellergewölbe – und den (Löt-)Rauchschwaden – der Medientechnischen Werkstatt der Sophienstraße geradezu verdinglicht wurde. Diese Kultur ist um einen Protagonisten ärmer geworden.
Ein langjähriger Kollege der hiesigen Medienwissenschaft schrieb als Echo auf die Todesnachricht, dass Ingolf Haedicke – gerade in seinem eckigen Charakter – immerfort „unverwüstlich“ wirkte. Nun ist Ingolf Haedicke wenige Tage nach einer letzten Lehrveranstaltung nahezu den akademischen Bühnentod gestorben. Unverwüstlich aber bleibt seine Erinnerung – auf dass Geist und Praxis seiner hands-on Medienkompetenz im Fachgebiet weiterhin verkörpert, gelehrt und gepflegt bleibt.
Ein ehrenvoller akademischer Abschied war Ingolf Haedicke aufgrund des plötzlichen Todes nicht gewährt; rufen wir ihm diesen umso nachträglicher nach.
Prof. em. Dr. Wolfgang Ernst
Als Studierende der Medienwissenschaft trauern wir um Ingolf Haedicke.
Herr Haedicke war ein besonderer Dozent. Ihm ging es an erster Stelle um die Studierenden. Seine Lehre war darauf ausgelegt verstanden zu werden, nicht darauf gesehen zu werden. Wer ihm mit ehrlichem Interesse Fragen stellte, erhielt seine Aufmerksamkeit und geduldige Erklärungen. Auch in kleinen Gesten zeigte er seine Wertschätzung: Etwa eine Dreiviertelstunde nach Seminarbeginn begann der Wasserkocher zu brodeln, und alle wurden zu einer kurzen Pause mit Kaffee und Tee eingeladen.
Seine praxisorientierten Einführungsseminare legten für viele den Grundstein für ein handfestes, anwendungsbezogenes medienwissenschaftliches Verständnis. Es war ihm ein großes Anliegen, physikalische Prinzipien und Medien nicht nur zu erklären, sondern sie sichtbar und erfahrbar zu machen, indem er sie immer wieder vorführte. Zusätzlich zu den Einführungsveranstaltungen nahm er sich viel Zeit um mit Studierenden zu basteln.
Unter seiner Anleitung wurden unzählige Medien und Instrumente geschraubt, gelötet und verdrahtet. Studierende der Medien-, Musik- und Kulturwissenschaften lernten bei ihm nicht nur die Funktionen der Bauteile, die er in- und auswendig kannte, sondern auch die handwerklichen Fähigkeiten, die man dafür braucht. Wer noch nie einen Lötkolben gehalten hatte wurde nach einer kurzen Erklärung direkt an das Gerät gelassen und durfte praktische Erfahrungen sammeln.
Herr Haedicke vermittelte ein Gefühl von Selbstwirksamkeit, das Gefühl etwas zu können und zufrieden auf die eigene Arbeit blicken zu dürfen. Ein Gefühl, das besonders zu Beginn des Studiums vielen fehlt.Ihm war es gleich wer ihm gegenübersaß. Er begegnete allen Studierenden mit Respekt, auf seine direkte, klare Art, die viele an ihm schätzten. Wer sich vielleicht ungeschickt anstellte, wurde darauf hingewiesen, erhielt aber ebenso selbstverständlich die nötige Unterstützung. Auch bei Meinungsverschiedenheiten nahm er die Meinungen der Studierenden ernst, selbst wenn sie von seiner eigenen abwichen. Selbst Studierende, die nicht an seinen Lehrveranstaltungen teilgenommen haben, begegnen seinem Wirken überall im Institut. Es gibt kaum ein repariertes Gerät im Fundus, das nicht auf die eine oder andere Weise seine Handschrift trägt.
Über viele seiner Leistungen aus früheren Jahren erfuhren wir auch erst nach seinem Tod, da er es nie priorisierte im Vordergrund zu stehen. Sein Fokus lag bei den Studierenden und ihren Projekten.
Wir sind Ingolf Haedicke außerordentlich dankbar für seine Zeit am Institut. Für seine direkte Art und seine scheinbar endlose Geduld. Für die individuelle Unterstützung bei Bastelprojekten und dem Tee im Winter. Dafür, das er in seinen Seminaren und im Medienkeller Räume geschaffen hat, in denen Studierende sich trauen konnten fragen zu stellen. Für das vermittelte Sach- und Erfahrungswissen. Vor allem möchten wir ihm für die vielen Momente danken, in denen er ein offenes Ohr hatte und uns Studierenden auf Augenhöhe begegnete.
Ingolf Haedicke hinterlässt persönlich und in der Lehre eine große Lücke. Als Studierende sorgen wir uns darum, dass die pragmatische Lehre am Gerät und besonders die Bastelprojekte, die uns halfen, Medien in ihrer Materialität zu verstehen und eigene Selbstwirksamkeitserfahrungen zu machen, verloren gehen könnten. Diese Grundlagenlehre ist elementar für viele Studierende der Medienwissenschaft, da sie uns überhaupt erst ermöglichte medienarchologische Beobachtungen zu machen. Wir wünschen uns von der Institutsleitung, dass sie sich dafür einsetzt, diese Form der Lehre fortzuführen und Studierenden weiterhin praktische Projekte zu ermöglichen.
Initiative FSI-MeWi