Ringvorlesung: Fundus und Unauffindbares. Medienarchäologisches Sammeln in globaler Perspektive
Mediengeschichte manifestiert sich in Artefakten. Mit diesen dinglichen Überresten befasst sich die Medienarchäologie: sammelnd, kontextualisierend, interpretierend und kritisierend. Einerseits geht es dabei um Genealogien, also die Freilegung von Verbindungslinien und Brüchen zwischen diachronen Medientechnologien und medialen Praktiken. Andererseits richtet sich der medienarchäologische Blick auf die Artefakte selbst – ihre materielle Beschaffenheit, ihre technische Funktionsweise sowie die spezifischen Medienlogiken, die sich unter anderem aus dem Experimentieren mit und dem haptischen Begreifen der Artefakte ergeben.
Dieser doppelten Perspektive folgt der medienarchäologische Fundus der Humboldt-Universität zu Berlin seit nunmehr zwei Jahrzehnten und hat damit internationale Aufmerksamkeit erlangt. Die Lehr- und Forschungssammlung am Kupfergraben 5 umfasst rund 400 Objekte, vorwiegend Medien der europäischen Moderne. Vor dem Hintergrund neuer Ansätze in Medien- und Kulturwissenschaft ergeben sich nun auch neue Fragestellungen an den Fundus: Wie lässt sich die Sammlung globalhistorisch erweitern und zugleich kritisch reflektieren? Lassen sich beispielsweise aktuelle Methoden der Provenienzforschung sowie Strategien des „Undoing“ von Sammlungen integrieren – insbesondere im Umgang mit Artefakten aus politisch problematischen Kontexten? Aus welchen Materialien bestehen die Artefakte und unter welchen ökologischen und arbeitsrechtlichen Bedingungen wurden sie hergestellt? In welcher Weise können Sammlungspraxis und spekulative Historiografie miteinander verschränkt werden, um bisher nicht berücksichtigte oder unauffindbare Artefakte einzubeziehen? Welche Nutzungsszenarien eröffnen sich aus Perspektiven der Gender Studies, der Race Studies oder der Disability Studies? Und wie kann eine medienarchäologische Sammlung auf gegenwärtige Verschiebungen innerhalb der Medien- und Kulturwissenschaft reagieren – weg von der Analyse einzelner Medien wie Grammophon, Film oder Schreibmaschine, hin zu global vernetzten Medieninfrastrukturen, planetaren Cloud- und Plattformökonomien sowie modellbasierter KI-Technologie.
Die Ringvorlesung findet Dienstags um 18 Uhr c. T. in Hörsaal 3075 im 2. OG des HU Hauptgebäudes (Unter den Linden 6) statt.